Digitale Medien - Ambivalente Entwicklungen und neue Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe

Digitale Medien - Stimmen zur Stellungnahme

Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums greift ein hochaktuelles Thema auf: Digitale Medien in der Kinder- und Jugendhilfe. Dabei werden Chancen und Gefahren differenziert gegenüber gestellt. Die Vermittlung digitaler Kompetenzen an Kinder und Jugendliche, aber auch an Eltern und Fachkräfte im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, erleichtert und begleitet eine verantwortliche Nutzung neuer Medien. Kinder und Jugendliche sollen souverän, selbstbestimmt und kritisch mit digitalen Medien umgehen können. Ein souveräner Umgang mit neuen Medien umfasst Kreativität und Offenheit für Neues ebenso wie Vorsicht, etwa bei der Weitergabe persönlicher Daten. Dabei dürfen Bildungsgrad und sozialer Status nicht länger prägende Einflussfaktoren digitaler Kompetenzen bleiben. Die Stellungnahme bietet einen guten Einstieg in die Vielschichtigkeit neuer Medien insbesondere für Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch für interessierte Jugendliche. Wichtige Themen wie etwa Datenschutz, das Recht auf Vergessen im Netz, Big Data oder auch das Safe Harbour Urteil werden ebenfalls skizziert. Ich danke dem Bundesjugendkuratorium für die Auseinandersetzung mit diesem Zukunftsthema, das alle Bereiche unseres Lebens durchdringt.

Markus Beckedahl und Ingo Dachwitz, netzpolitik.org

Digitale Medien werden im Zuge fortschreitender Mediatisierung zu immer wichtigeren Institutionen der Konstituierung von Wirklichkeit, Identität und sozialem Handeln. Dies anzuerkennen und zugleich einzugestehen, wie wenig die Kinder- und Jugendhilfe in ihrer Breite trotz engagierter Pionier*innen bislang darauf eingestellt ist, ist ein wichtiger Schritt. Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist deshalb in vielerlei Hinsicht begrüßenswert. Bemerkenswert ist, dass dabei erstmals auch ein kritischer Blick auf Chancen und Risiken digitaler Fallbearbeitung geworfen wird. Grundlegende Fragen von Verletzbarkeit und Empowerment durch digitale Medien werden bislang zu wenig professionell wahrgenommen oder adäquat adressiert. Dass das BjK nun Handlungsbedarfe auf unterschiedlichen Ebenen identifiziert, ist richtig und notwendig: In Sachen Forschung, Organisation und auch in der praktischen Arbeit für und mit jungen Menschen gibt es großen Nachholbedarf. Die Stellungnahme kann dazu ein erster Schritt sein – wenn sie nicht als Strohfeuer enden will, wird es jedoch einer größer angelegten, strategischen Initiative und der Bereitstellung der nötigen Ressourcen bedürfen.

Gleiches gilt für die in der Stellungnahme thematisierten ethischen Fragestellungen: Dass das BjK politischen Handlungsbedarf ausmacht und mit Themen wie Big Data, Nudging, Safe-Harbor/Privacy-Shield, Digitale Ungleichheit, Zugangsgerechtigkeit oder Netzneutralität einige zentrale Punkte benennt, ist gut. Gesetzgeber und Unternehmen treffen aber bereits heute weitreichende Entscheidungen über die Architektur und die Regeln der soziotechnischen Infrastruktur zukünftiger Gesellschaften. Einen Diskurs anzustoßen ist für das Jahr 2016 deshalb zu wenig. Jugendverbände und andere politische Interessenvertretungen junger Menschen müssen hier klar Position beziehen und eine kinder- und jugendgerechte Netzpolitik auf die politische Agenda der Länder, des Bundes und der EU bringen. Kindheit und Jugend sind als Lebensphasen dadurch gekennzeichnet, dass die Konsequenzen aller Entscheidungen noch nicht bis zum Ende durchdacht werden können und müssen, dass experimentiert wird und Grenzen ausgetestet werden können – wie wäre es also zum Beispiel mit der Forderung nach einer Regulierung datengetriebener Prognoseverfahren, die die kommerzielle Sammlung, Verarbeitung und Verwertung von persönlichen Informationen Minderjähriger untersagt? Und wo sind in der aktuellen Debatte um eine Reform des Urheberrechts die starken Stimmen aus der Kinder- und Jugendhilfe, die sich für eine Entkriminalisierung des Alltagshandelns ihrer Zielgruppe einsetzen?  

Im Ansatz einer emanzipatorischen Medien- und Digitalbildung, die auf die Befähigung junger Menschen zu reflektiertem Nutzungs- und Gestaltungsverhalten abzielt, kommen schließlich beide Aspekte zusammen: Eine Praxis, die die digital geprägten Lebenswelten junger Menschen ernst nimmt und eine konsequente Umsetzung des eigenen politischen Anspruchs. Ganz sicher muss nicht jede*r Jugendarbeiter*in digitale Medien nutzen, aber statt einer häufig noch vorherrschenden bewahrpädagogischen Abwehrmentalität, die aus schlecht informierten Dünkel eine Lehrmeinung macht, bräuchte es wissendes und kritisch reflektiertes Einlassen auf neue Technologien. Dazu werden auch stärkere Impulse benötigt, die in der Stellungnahme kurz angerissenen „alternativen Dienste“, die Sicherheit, Datenschutz und offene Standards in den Vordergrund stellen, für die Kinder- und Jugendhilfe zu institutionalisieren. Eine vom Leitbild der digitalen Mündigkeit inspirierte Jugend-Netz-Pädagogik und -Politik müsste schlussendlich notwendigerweise auch Widerspruch gegen Versuche erheben, Fragen des Jugendschutzes rein technisch zu lösen: Inhaltekennzeichnungen und automatische Jugendfilter, wie sie der aktuelle Entwurf des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags erneut vorsieht, sind zum einen zum Scheitern verurteilt, weil sie praxisfern und hochgradig dysfunktional sind. Sie sind zum anderen aber auch gefährlich für die Selbstbestimmung junger Menschen und eine offene Netzkultur, weil sie drohen, Zensur zu automatisieren anstatt auf Reflexion zu setzen. Es gibt also viel zu tun für die Kinder- und Jugendhilfe. Die Stellungnahme des BjK ist ein wichtiger erster Schritt – die nächsten müssen nun schnell folgen.

Jens Koeppen, Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda

Die Digitalisierung bietet auch für die Jugendhilfe enorme Chancen. Prozesse können effektiver gestaltet werden, ein niedrigschwelliger Zugang zur Jugendhilfe ist möglich, die Vergleichbarkeit von Fällen und damit auch von Lösungen wird verbessert und die Kommunikation kann auf ganz neuen Ebenen geführt werden. Aber wie in den Schulen auch, wird das Angebot der Jugendhilfe nur so gut sein, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich der Digitalisierung stellen. Kenntnisse von Datenschutzrecht aber auch Anwendungserfahrungen sind Voraussetzung, dass die Digitalisierung erfolgreich in der Jugendhilfe Einzug hält. Hinzu kommt, dass die Anwendungserfahrung auf der Seite der Kinder und Jugendlichen – auch durch den sozial bedingt ungleichen Zugang – in sehr unterschiedlichem Maß vorausgesetzt werden kann. Wer den Mehrwert der Digitalisierung für die Kinder- und Jugendarbeit wirklich nutzbar machen will, muss seine Mitarbeiter möglichst zeitnah befähigen, mit der neuen Technik, den Fragen des Datenschutzrechts, aber auch dem unterschiedlichen Erfahrungshintergrund der Adressatinnen und Adressaten, umzugehen. Aus- und Weiterbildung ist eine ganz zentrale Fragestellung für die erfolgreiche Digitalisierung!

Hans Reinfelder, Leiter des Bayerischen Landesjugendamtes

Die Kinder- und Jugendhilfe hat durch den digitalen Wandel neue Chancen bekommen, um auf Kinder, Jugendliche und Familien zugehen, sie begleiten und unterstützen zu können. Für die in der Kinder- und Jugendhilfe Tätigen heißt das jedoch zu allererst, dass die grundsätzliche Akzeptanz dieses Faktums Voraussetzung dafür ist, um sich den daraus ergebenden Veränderungen für die Arbeitspraxis stellen und diese nutzen zu können. In diesem Zusammenhang muss § 1 Abs. 3 Nr. 1 SGB VIII besondere Aufmerksamkeit zukommen, denn alle jungen Menschen und ihre Familien müssen Zugang zu den an sie adressierten Angeboten haben, auch – und gerade – wenn diese im Netz angeboten werden. Die Kinder- und Jugendhilfe darf daher die Möglichkeiten, die digitale Medien für die Arbeit der Fachkräfte bieten, nicht außer Acht lassen. Die Gefahr, dass sonst eine neue Form von Exklusion geschaffen wird, ist real, wenn für (sozial) benachteiligte Adressatinnen und Adressaten nicht passgenaue Zugänge und speziell angepasste Angebote in der digitalen Welt konzipiert und kompetent realisiert werden. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an Aus- und Weiterbildung. Waren es bisher vor allem persönliche, soziale und sozialpädagogische Kompetenzen, die für die Arbeit im Wirkungskreis des SGB VIII unerlässlich waren, muss dieses Spektrum nun zwingend um die Medienkompetenz erweitert werden. Darunter ist vor allem datenschutzrelevantes Wissen, verantwortungsvolles Abgrenzen zwischen privater und beruflicher Nutzung und didaktisches Wissen zur (sozial) pädagogischen Nutzung der digitalen Medien als auch Umgangswissen mit den neuen Medien zu subsumieren. Somit ist die Entwicklung von entsprechenden Inhalten eine Aufgabe, der sich alle Organisationen annehmen müssen, die im Bereich der Aus- und Weiterbildung von in der Kinder- und Jugendhilfe Tätigen arbeiten. Der dafür nötige fachliche Diskurs muss schnell, kompetent – und vor allem gemeinsam – in allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe – geführt werden. Kooperationen mit Universitäten, Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten sind dabei genauso hilfreich wie das Erfahrungswissen der Fachkräfte, die bereits jetzt mit neuen Formaten der Hilfsangebote arbeiten. Als Ergebnis müssen Beratungs- und Unterstützungsangebote realisiert werden, die auf die zunehmend von digitalen Medien geprägte Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zugeschnitten sind.

Nur so wird und kann Kinder- und Jugendhilfe zukunftsfähig sein!

Torsten Schrodt, Leitung, "gerne anders!" NRW - Fachberatung sexuelle Vielfalt & Jugendarbeit

Medien und vor allem das Internet sind spätestens seit Smartphones zum ständigen Begleiter von den meisten jungen Menschen geworden. Gerade jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*Personen (LSBT*) bietet das Internet wichtige Informations-, Kommunikations- und Beteiligungsräume. Ohne sich zu outen1 und sich der Gefahr von Diskriminierung auszusetzen finden sie im Internet Informationen und Erfahrungsberichte, die meist weder in Schulbüchern und im Freundeskreis, noch sonst in ihrem persönlichen Alltag vorkommen. Über spezifische Chats und Foren finden sie andere LSBT*Personen, mit denen sie sich austauschen können. Über das Internet erleben die meisten jungen LSBT* zum ersten Mal, dass sie nicht allein sind. Besonders wichtig ist daher diese virtuelle Welt für junge Menschen, die sich selbst noch nicht sicher oder die noch nicht für ein Coming-Out bereit sind. Ebenso für diejenigen, die in Regionen Deutschlands leben, in denen es keine speziellen Projekte für LSBT*Jugendliche gibt.

Die virtuelle Welt, vor allem kommerzielle Plattformen und ein besonders hoher Medienkonsum2, sind mit Gefahren verbunden. Nicht selten ziehen sich junge LSBT* in die Isolation zurück und führen (für einen längeren Zeitraum) ein virtuelles Doppelleben. Die in der virtuellen Welt empfundene Vertraulichkeit und Sicherheit führen mitunter dazu, dass sie zu viele persönliche Daten und (intime) Bilder von sich preisgeben oder sich auch auf riskante Dates mit für sie eigentlich unbekannten Personen einlassen.

Jugendarbeit, die sich auch an LSBT*Jugendliche richtet, muss sich diesen Realitäten stellen. Hierzu gehört die Nutzung von Internet und auch beliebten bzw. spezifischen Plattformen, um diese als Kommunikationsräume und Bindeglied zu realen Kontakt- und Beteiligungsmöglichkeiten für LSBT*Jugendprojekte anzubieten, aber auch um zugleich durch entsprechende Projekte die Mediennutzung kritisch zu reflektieren und Medienkompetenz (auch im Hinblick auf spezifische LSBT*-Angebote im Internet) zu fördern. Zu dieser Arbeit mit Medien in der LSBT*Jugendarbeit gehört es seit einigen Jahren auch verstärkt, junge Menschen darin zu unterstützen, spezifische Videobeiträge, Webserien und Kampagnen zu veröffentlichen. Hierdurch werden nicht nur Identifikationsmöglichkeiten für LSBT*Jugendliche geschaffen, sondern durch reale Bilder von nicht-heterosexuellen Lebensformen auch gesellschaftliche Akzeptanz gefördert.


1 Sich als ggf. nicht-heterosexuell bzw. cis-geschlechtlich öffentlich zu machen

2 Kirchwehm (2014) weist darauf hin, dass LSB-Jugendliche deutlich mehr Zeit im Internet verbringen als hetero-Jugendliche und Recherche über Homosexualität sowie die Kontaktaufnahme zu Gleichgesinnten bei diesen Jugendlichen handlungsleitende Motive sind. (Kirchwehm, Harry (2014): Mediennutzung und Homosexualität. Eine empirische Studie zum Mediennutzungsverhalten LSBT-Jugendlicher und junger Erwachsener im Kontext ihrer sexuellen Identität. Bielefeld: Lorbeer Verlag)